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Redeauszug

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Redeauszug von Frau Claudia Scheller-Schach, Kunsthistorikerin, anlässlich der Ausstellungseröffnung "Akzente in Licht und Farbe" im Rathaus in Obersulm am
7. November 2013


Zitatbeginn:

"Ihre Bilder entstehen immer in Serien, in denen sie die Möglichkeiten verschiedener Techniken und ihrer Kombinationen durchspielt. Nie begnügt sie sich mit einem Material oder einem Werkzeug – das würde auch gar nicht ihrem sprudelnden Wesen und ihrer Begeisterung für die Kunst und den schöpferischen Prozess entsprechen. Dieser nämlich ist Ausgangspunkt der Malerei, nicht eine Vorstellung von einem Thema oder einem Motiv.
Wenn Sie sich, liebe Besucher, zum Beispiel auf die vielschichtigen kleinen Quadratformate einlassen, erkennen Sie natürlich Köpfe und Gesichter, auch Landschaften lassen sich assoziieren indem die klassischen Elementen der Komposition – Horizontline, Vordergrund, Hintergrund auftreten .Oft verschränken sich figürliche Anmutungen auch mit den Landschaften – folgerichtig nennt die Künstlerin diese Bilder auch „Kopf-Gesichts-Landschaften“ – mit Absicht bleiben die einzelnen Arbeiten aber ohne Titel, so dass dem Betrachter Spielraum für das eigene Sehen und Erkennen bleibt.
Gewissermaßen ein Spielraum steht auch immer am Anfang des künstlerischen Tuns: Thea Bayer-Rossi fasst keinen Plan für das Bild, sie gestaltet die Bildfläche nicht im Hinblick auf ein Resultat. Aus spontan gesetzten Farbflächen und einer Fülle von Formen entwickelt sie eigene Bildrealitäten. Dabei nehmen Gefühle und Stimmungen, vielleicht auch erlebte und gesehen Wirklichkeit Einfluss auf die Gestaltung, nicht in erster Linie Verstand und rationale Überlegungen.
Vor etwas mehr als 100 Jahren begann in der Kunst diese spannende Entwicklung: Weggehen vom abbildenden Motiv, stattdessen das Wagnis, die Grundkonstanten der bildenden Kunst in ihrer Eigengesetzlichkeit wirken zu lassen: Farbe, Form, Linie, Fläche – eben abstrakte Kunst. Ein Wagnis deshalb,  weil wir als Betrachter – leider verbildet durch rationales Denken und durch Streben nach Effizienz, diese Zumutung aushalten müssen. Die Fragen: Was will uns der Maler sagen? Was stellt ein Bild dar? – sind noch immer „Qualitätskriterien“, die zugrunde gelegt werden, die aber letztlich einen Zugang zu dieser Welt blockieren. Künstler und Künstlerinnen wie Thea Bayer-Rossi  hingegen schaffen es, diese Blockade zu überwinden. Sie zapfen andere Quellen an  bzw.  führen viele Ströme zusammen. Gute, ansprechende Bilder werden aus diesem subjektiven Verfahren aber erst, wenn doch ein eigenes System erkennbar wird und der Künstler diesen eigenen Gesetzen gerecht wird.
Mit Begeisterung widmet sich Bayer-Rossi dieser Herausforderung: ihrem spontanen Wesen, ihrer lebhaften, äußerst vitalen Art entsprechen die Fülle an Farben, Formen und Strukturen, die sie in eine ganz eigene Handschrift umsetzt. Und natürlich genügen auch nicht die konventionelle Technik per Pinselauftrag: die Leinwand wird bemalt, mit Farbe beschüttet und gespachtelt, Farbschichten werden durch Kratzen wieder freigelegt. Haptische – reliefartige – Strukturen erzielt sie  durch Beimischen von Sand und  vielen anderen Materialien, auch das Collagieren von Papier. Ein Effekt zieht den nächsten Arbeitsschritt nach sich, das Bild leitet im Entstehungsprozess die Künstlerin  an,  da etwas weiterzuentwickeln  oder dort einen Kontrapunkt zu setzen…
So entstehen, gerade auch durch die Kombination von malerischen, flächigen Partien mit grafischen, linearen Strukturen Bildräume voller Geschichten: Geschichten vom Malen und Machen, Geschichten aus der Natur und Geschichten aus der Existenz und dem Wesen des Menschen – ohne ein Abbild dessen zu sein.
Für viele andere Künstler wären diese Mittel genug – nicht so für Thea Bayer-Rossi!
Auf diesen Papierfahnen verwendet sie kleine Blätter mit  Frottagen, in denen per Durchreiben von Strukturen Köpfe und Gesichter erscheinen. Diese kombiniert sie mit gemalten Teilen von Gesichtern, außerdem mit geometrischen Strukturen, etwa Spiralen. Wechselnde Größenverhältnisse und das Verfahren, die Gesichter mal nur anzuschneiden, lassen an die Technik des Zoomens und des Filmschwenks erinnern – die Anordnung der Hochformate untereinander tut ein übriges, um an Filmstreifen zu erinnern. Jedoch braucht es hier keine „laufenden Bilder“. Spannung und Vitalität ergeben sich schon durch die intensiven Rottöne, die vielen Schichten und grafischen Kürzel – pure Energie bricht sich Bahn.
In einer anderen Serie verwendet die Künstlerin sog. Intagliotypien, die malerisch überarbeitet werden. Bei der genannten Drucktechnik wird das Motiv fototechnisch auf den Druckstock übertragen und dieser in mehreren Schritten weiter bearbeitet und kann dann wie bei einer Radierung zum Tiefdruck verwendet werden. Die gedruckten Motive werden dann weiter „benutzt“ und verführen die Künstlerin zu starken grafischen Akzenten. Es entstehen regelrechte „Charakterköpfe“,  Fragmente von Gesichtern schieben sich unter und über die Farbflächen. Vor allem  Augenpaare und Figuren wie Karikaturen  beleben den abstrakten Grund und bringen ein erzählerisches Moment mit hinein.
Bei dem einen oder anderen Bild ist man versucht, bestimmte Personen oder Typen  erkennen zu wollen – diese eher zufällige Ähnlichkeit wird schließlich in einer Serie von Cyanotypien zur Methode. Denn die Künstlerin bearbeitet  hier in einem interessanten fotomechanischen Verfahren tatsächlich Bilder von zwei Filmschauspielerinnen vergangener Zeiten, man könnte auch sagen Filmlegenden: Marilyn Monroe und Audrey Hepburn. Beides ist für sie – so wie ich sie und ihr bisheriges Werk kenne und einschätze – wohl von Interesse: die Möglichkeiten der Technik und inhaltliche Aspekte. Durch den Einsatz von Eisensalzlösung, die Entwicklung im Tageslicht und das Auswaschen der Papiere mit Wasser, dann die Weiterbearbeitung  mit Acrylfarbe potenzieren sich die gestalterischen Faktoren. Vieles kann gelenkt werden, aber viele Effekte entstehen auch zufällig und werden dann dem prüfenden Blick und der Weiterverarbeitung unterzogen.
Nicht zufällig, denke ich, ist die Wahl der beiden Frauen: schon zu Lebzeiten zum Mythos stilisiert, durch ihre Verfügbarkeit als Medienstars, wurden sie zu Motiven instrumentalisiert…und blieben doch oder gerade deshalb als Individuen unbekannt und als Personen zwiespältig. Mit diesem Phänomen spielt Bayer-Rossi gekonnt und schafft einmal mehr den Spagat zwischen den formalen und inhaltlichen Aspekten, der das Kunststück Kunst eben ausmacht. "
Zitatende





Kunst aus Leidenschaft
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